Über, durch oder aus Geschichte lernen?

Banale Frage? Vielleicht. Wortklauberei? Nicht ganz. Gerade im Kontext (medialer) Geschichtsvermittlung stoße ich mich immer wieder an der vermeintlichen Beliebigkeit der Verwendung dieser Präpositionen. Impliziert nicht jede von ihnen ein grundsätzlich anderes Verständnis von Geschichte? Und hat das nicht wiederum Einfluss darauf, wie Lernende Geschichte begreifen? Polemische Begriffsbestimmungen eines Nicht-Didaktikers.

Über Geschichte lernen

Etwas über Geschichte lernen, das heißt, etwas neues herausfinden und behalten. Es geht also primär um die schlichte Aneignung von historischem Wissen, die Forschungsleistung haben in der Regel andere erbracht. An dieser Stelle ist es wichtig, dass Lernende nicht in die historistische bzw. positivistische Falle tappen, wenn sie Geschichte unmittelbar zu sich und insularisch betrachten. Multiperspektivität ist angesagt, die „historische Autorität“ der jeweiligen Geschichtsschreibung muss hinterfragt werden.

Durch Geschichte lernen

Durch Geschichte lernen, das heißt, Geschichte als Medium für einen Lernprozess zu nutzen. Die Alteritätserfahrung (Erfahrung der Andersheit) des Vergangenen, befähigt Lernende, ihren eigenen Blick auf die Geschichte, aber auch die „historische Autorität“ von Geschichtsmythen und Meistererzählungen (auch der Gegenwart) zu hinterfragen und zu realisieren, dass (historische) Realitäten kontingent sind (d.h. weder zufällige, noch determinierte Folge komplexer Möglichkeitsbedingungen). Ein probates Mittel scheint hier das Hineinversetzen in historische Rollen und mithin die historische Simulation zu sein (Erzeugung von Empathie).

Aus Geschichte lernen

Nachdem das über Geschichte Gelernte durch die (mentale) Simulation in gewisser Weise anverwandelt und hinterfragt und dadurch die Kontingenz des Historischen (und der Gegenwart) realisiert wurde, können daraus Hinweise für das eigene Denken und Handeln abgeleitet werden. Aus Geschichte können demnach Lehren gezogen und für Gegenwart und Zukunft zu Handlungsoptionen gemacht werden. Lernen aus Geschichte ist dann etwas, das Lernen über Geschichte ergänzen kann – freilich der Zweck historischer Bildungsarbeit.

Der Dreischritt des historischen Lernens

Aus meiner Sicht des Didaktiklaien, der sich bisher überwiegend mit der vorgelagerten Forschungsarbeit beschäftigt hat, scheint umfängliche historische Bildung ohne diesen Dreischritt nicht auskommen zu können (natürlich hat die Geschichtsdidaktik zu allen drei Punkten entsprechende Methoden entwickelt, die ich aber nicht umfänglich überblicke und die hier auch nicht im Mittelpunkt stehen). Allein auf diesen Dreischritt blickend, erscheinen mir durch und über Geschichte Lernen in einem zirkulären Verhältnis zueinander zu stehen: Über Geschichte Gelerntes (historisches Wissen) ist der Ausgangspunkt für das historische Bewusstsein erweiternde Kontingenz- und Alteritätserfahrungen (durch Geschichte lernen), die hierdurch aufgeworfenen neuen Fragen an den historischen Gegenstand führen wiederum dazu, mehr über Geschichte lernen zu wollen. Aus dieser Auseinandersetzung mit Geschichte folgt schließlich eine Schärfung des historischen wie politischen Bewusstseins (aus Geschichte lernen).

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