„Sauberer“ Nazi statt kritischer Auseinandersetzung

Vor einigen Tagen habe ich über Geschichtsverdrängung in Spielen insbesondere am Beispiel Nationalsozialismus und Holocaust geschrieben. Mit dem gestrigen Patch für Steel Division: Normandy 44 hat Eugen Systems den Kommandeur der 12. SS-Panzer-Division ‘Hitlerjugend‘ nach eigenen Aussagen auf Anordnung der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) in der deutschen Version des Spiels ersetzt. Statt Kurt Meyer wird jetzt Fritz Witt als Kommandeur geführt. Als wäre der eine Nazi besser als der andere…

Im Juni 1944 wurde die Hitlerjugend-Division zur Schlacht gegen die alliierte Landung in der Normandie abkommandiert. Während der Gefechte töteten Angehörige der Division mehr als 150 kanadische Kriegsgefangene. Als Witt von diesen Verbrechen erfuhr, ordnete er eine Untersuchung an und forderte einen schriftlichen Bericht des verantwortlichen SS-Standartenführers Kurt Meyer. Witt starb kurz darauf, als während der Schlacht um Caen am 14. Juni 1944 sein Hauptquartier in Venoix unter schweren Granatbeschuss des Schlachtschiffes HMS Rodney geriet.“ (Wikipedia) Fritz Witt war offensichtlich überzeugter Nationalsozialist und machte Karriere in der SS. Gleiches gilt für Kurt Meyer, der nachweislich für diverse Kriegsverbrechen verantwortlich war und sich nach Kriegsende apologetisch für eine Rehabilitation der Waffen-SS einsetzte, die er ganz offen verherrlichte – gefeiert von Teilen der deutschen Bevölkerung…

Nun stellt sich mir die Frage, warum die USK diese Änderung in der deutschen Version verlangt hat. Aus historischen Gründen sicherlich nicht. Viel mehr aus moralischen. Das halte ich aber für überaus problematisch. Der eine Nazi ist wohl kaum besser als der andere, ganz abgesehen davon, dass beide Kriegsverbrecher waren und für die Elite eines unmenschlichen Verbrechersystems stehen. Gefährlich finde ich die Forderung der USK, weil damit suggeriert wird, Fritz Witt sei moralisch vertretbarer als Kurt Meyer – was an sich schon absurd ist. Außerdem wird im Spiel nun einfach der eine Nazi durch den anderen ersetzt. Viel wichtiger wäre es doch gewesen, an dieser Stelle zu fordern, im Spiel hinlänglich auf die Gräueltaten des NS-Regimes und der SS hinzuweisen. Die kurzen biographischen Beschreibungen der Kommandanten gehen ausschließlich auf deren militärische Fähigkeiten ein, die Divisionsbeschreibungen allein auf die militärischen Stärken und Schwächen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit findet, wie in den meisten Weltkriegsspielen, nicht statt – weder bei den SS-, noch bei den Wehrmacht-Divisionen.

Nun kann man noch nicht abschließend über das Spiel urteilen, weil es sich noch immer in der Beta-Phase befindet und beispielsweise die Einzelspielerkampagne noch nicht spielbar ist – allerdings gehe ich davon aus, dass es auch dort allein um militärische Auseinandersetzungen gehen wird, wie schon bei den Wargame-Spielen.

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Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1988-028-25A / CC-BY-SA 3.0 – Fritz Witt (Mitte) bei Beratungen mit Max Wünsche und Kurt Meyer an der französischen Front (1944)

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