„This game changed my life and worldview“ – Crusader Kings II als Game of Thrones?

Grand strategy-Games erfreuen sich bei Gamer*innen großer Beliebtheit. Dabei werden sie von Entwickler*innen und Gamer*innen unter anderem wegen ihrer Historizität gefeiert. Ein kritischer Kommentar, der Parallelen zwischen der populärhistorischen Darstellung in Game of Thrones und Crusader Kings II zieht.

Provokation zur Neugier in (Historien)Spielen

Anfang Juli postete DrCytokinesis im Europa Universalis IV Feed von reddit.com einen kurzen Text darüber, wie der grand strategy-Titel sein Leben und seine Weltsicht verändert habe. Paradox feiert ihn dafür bzw. macht sich diese User-Begeisterung im Sinne des Authentizität-Impetus‘ als Eigenwerbung zu Nutze.

DrCytokinesis bringt in seinem Post die subjektive Erfahrung zum Ausdruck, das Historienspiel habe ihn dazu veranlasst, historische „Vorurteile“ zu hinterfragen, historische Hintergründe zu recherchieren und mithin Wissen über Geschichte anzusammeln, welches seine Weltsicht verändert habe. „The game drew me in and I grew such a deep appreciation of history and the sort of ‚causal chain‘ as to why things are the way they are that it fundamentally changed the way I view the world and how we are connected.“

Der Umstand, dass der Post innerhalb eines Tages über 230 Mal kommentiert wurde, deutet darauf hin, dass hier ein zentrales Thema für geschichtsinteressierte Gamer*innen angesprochen wird. Eine Vielzahl der Kommentare dreht sich entsprechend um die grand strategy-Titel von Paradox und deren von den Gamer*innen wahrgenommenes Potential der Geschichtsvermittlung. So wissen viele Kommentare davon zu berichten, dass das Spielen dieser Titel den Spieler*innen im Geschichtsunterricht geholfen habe oder sie sich geographisches Wissen angeeignet hätten. Insofern scheint das (geschichts)didaktische Potenzial digitaler Spiele durch. Doch den Chancen dieses „doorway into […] historical understanding“ stehen Probleme gegenüber – weiteres dazu in dem Beitrag „Ich spiele das Reich!“ und den dort verlinkten externen Beiträgen.

A Game of Prejudices?

Neben Historienspielen feiern auch Historienfilme und -serien immer wieder Erfolge (das zeigt sich nicht zuletzt an der steigenden Zahl neuer Serien, man denke an Die Tudors, Die Borgias, Die Medici, Rom, Spartacus, TURN, Vikings, The Last Kingdom, Victoria, Versailles usw.) – unangefochtener Platzhirsch ist zur Zeit aber die auf A Song of Ice and Fire von G.R.R. Martin basierende Mittelalter-Fantasy-Serie Game of Thrones, in der die Genres Politthriller und Mittelalter-Fantasy eine fesselnde Symbiose eingehen. Von vielen Mittelalterfans wird die Serie zudem für ihre „authentische“ Darstellung mittelalterlicher Verhältnisse gefeiert. Auf diesen Zug springen – wer hätte es erwartet – Autor*innen auf, die diesem Authentizitätsfimmel Futter geben und ein paar Kröten verdienen wollen (ja, ich weiß, auch ich betreibe hier Aufmerksamkeitsgehasche). Aber auch wissenschaftlich arbeitende Historiker*innen widmen sich (neben Politolog*innen u.a.) seit langem der Serie (und den Büchern) und dekonstruieren die ach so authentischen Mittelalterbilder. Zwar ist klar, dass sich Martins Geschichte historisch u.a. an den englischen Rosenkriegen, Wikingern, Hunnen usw. orientiert, doch bedient sie gleichzeitig die ganze Bandbreite populärhistorischer Klischees von Rittern, Turnieren, Fanatismus und einem dunklen, dreckigen Mittelalter, die in beliebiger Kombination abgespult werden, um den Zuschauer*innen ein wahrhaftiges Spektakel zu liefern. Dabei zeigt sich jedoch nur, dass das so genannte Mittelalter wohl gerade wegen der sich in den populären Darstellungen haltenden vereinfachenden Meistererzählungen von edlen Rittern und holden Prinzessinnen für alle Realitätsflüchtigen so ungebrochen populär bleibt. Man fühlt sich unweigerlich an Nietzsches Überlegungen zum Nutzen der Geschichte erinnert…

Crusader Kings II als historistisches Blabla?

Abgesehen davon, dass es für Crusader Kings II (wie für einige andere Spiele) eine total conversion MOD gibt, die das Game of Thrones Universum spielbar macht (Rang drei auf MODDB), spielt die vanilla-Version des Spiels im ­„echten“ Mittelalter. Doch auch diesbezüglich bedient das Spiel lediglich populäre Geschichtsmythen und vor allem ein auf Hofintrigen und Krieg fokussiertes Geschichtsbild. In meinem aktuellen Let’s Play History Projekt habe ich bspw. in Bezug auf die Darstellung der „Wikinger“, bzw. der historischen Verhältnisse im frühmittelalterlichen Skandinavien so einige ahistorische Darstellungen problematisiert (u.a. Herrschaftsverhältnisse, Mythos Schildmaid, Verbreitung von Schrifttum, Nordische Mythologie, Entwicklung des Schiffbaus usw.).

Dabei geht es mir weniger um Bemängelung fehlender Authentizität, denn diese Debatte ist für Historiker*innen schlichtweg sinnlos. Mir geht es um Differenzierung und Kontingenzvermittlung. Denn was unterscheidet Crusader Kings II von Game of Thrones? Eigentlich nichts. Einzelne „Herrscher“ (selten auch Frauen*) versuchen ihre Herrschaft durch Mord und Krieg zu erhalten und auszudehnen, die Frage nach Menschen und Lebensformen stellt sich nur insofern es darum geht, wie man sie sich am besten Untertan machen oder sie aus dem Weg räumen kann. Das Spielerlebnis wird darüber hinaus auch nicht weiter differenziert – egal, in welchem kulturellen Diskursraum man sich bewegt. Zwar zwingt das Spiel alle „Wikinger“ im Gegensatz zu ihren westlichen Gegenparts dazu, regelmäßig Krieg zu führen, weil sie sonst Prestige verlieren, welches wiederum zum Provinzausbau und für das Herbeizaubern von Stammes(!)armeen benötigt wird. Ansonsten bewirft es den Spieler aber unabhängig des Kontextes mit zufälligen „Ereignissen“, die davon erzählen, wie die (skandinavischen) Führungspersonen Briefe schreiben, Bücher lesen und durch ihre Schlossgärten wandeln… Kritische Fragen danach, warum die „Wikinger“ gen Westen aufbrachen, welche gesellschaftlichen Möglichkeiten historische Akteur*innen hatten, ob es auch andere interreligiöse/interkulturelle Begegnungsformen als Krieg, Bekehrung oder Aufstand gab und dergleichen mehr sucht macht vergeblich. Passend dazu kann man sich aber noch den Viking Metal DLC runterladen.

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