Ein resignierender Kommentar zum #Aufschrei wegen Campo Santo vs. PewDiePie

Die Youtube-Community ist außer Rand und Band. Weil Campo Santo, die Entwickler*innen von Fire Watch, Gebrauch von ihrem Urheberrecht machen und dem wiederholt durch rassistische und antisemitische Ausfälle auffälligen Let’s Player PewDiePie untersagen, Videos zu produzieren, in denen Spiele von Campo Santo gezeigt werden. Ein resignierender Kommentar.

Worum geht’s hier?

Eigentlich will ich das hier gar nicht tun. Natürlich habe ich die Debatte beobachtet und selbstverständlich habe ich eine Meinung dazu (siehe Twitter). Aber noch mehr über PewDiePie reden, ihm damit indirekt eine Plattform bieten, das widert mich an. Dennoch sehe ich mich entgegen meiner Neigungen (Kant feixt sich einen) veranlasst, einen Kommentar abzugeben. Denn eine Verallgemeinerung des Falls (Carlo Ginzburg würde sich die Haare raufen) ist so abwegig wie relativierend. Und Relativierung kann man ebenso wenig dulden, wie die Aussagen selbst, die Campo Santo zu dieser Entscheidung veranlasst haben.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Argumentationen diverser Zuschauer*innen in den Youtube-Kommentarspalten, auf Twitter oder in diversen Foren eingehen, die mit Argumentationen à la „jeder macht mal einen rassistischen Witz“ ihre latente gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit kundtun. Hierzu empfehle ich lediglich die Mitte-Studien und für Einsteiger*innen die Erklärvideos der Bundeszentrale für politische Bildung zu Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und anderen Diskriminierungsformen.

Vielmehr möchte ich an dieser Stelle auf die vermeintlich juristische Debatte eingehen, die zur Zeit in der Gaming-Presse und unter Youtubern geführt wird. Dass es bezüglich der diesjährigen Entwicklungen zu Streaming (Rundfunklizenz) und Monetarisierung auf Youtube (Werberichtlinien) format- bzw. plattformspezifischer Debatten in der Öffentlichkeit sowie eines Updates des Urheberrechtsgesetzes bedarf, das den Anforderungen der digitalen Gesellschaft gerecht wird, steht für mich außer Frage. Für eine leicht verständliche Einführung zum Themenkomplex empfehle ich PietSmiets Video:

Relativierende Verwirrungen

Das online-Magazin GamesWirtschaft hat gestern einen Artikel veröffentlicht, der die Rechtslage passend zusammenfasst, sich bezüglich der Konsequenzen des konkreten Falls aber in seltsame Verwirrungen verstrickt:

Im konkreten Fall – und da sind sich die meisten Beobachter einig – geht es natürlich überhaupt nicht um eine vorgebliche Copyright-Verletzung. Der „Firewatch“-Entwickler missbraucht das Strike-Instrument, um den Youtuber an einer verletzlichen Flanke zu treffen und für seine rassistische Äußerung schlichtweg zu bestrafen. Dass Campo Santo nach Meinung vieler Experten im Recht ist, lässt die tatsächlichen Beweggründe in den Hintergrund treten.

Die/der Autor*in impliziert den Wunsch, Rechteinhaber*innen dürften bei der gegebenen Rechtslage von ihren Schutzrechten nur dann Gebrauch machen, wenn eine Verletzung dieser Rechte vorliege, und das sei in diesem Fall nicht gegeben – darum würden Campo Santo ihr Recht „missbrauchen“. Dass jedoch de facto jedes Let’s Play einen (wenn auch größtenteils von Rechteinhaber*innen geduldeten) Urheberrechtsverstoß darstellt, ist nun wirklich so wenig neu wie schockierend. Warum GamesWirtschaft schließlich folgert, dass hieraus die tatsächlichen Beweggründe in den Hintergrund treten würden, nämlich ein fallspezifisches und deutliches Zeichen gegen latenten Rassismus und Antisemitismus zu setzen, will sich mir bei bestem Willen nicht erschließen. Diese Folgerung ergibt sich wohl aus einer unreflektierten Übertragung des spezifischen Falls auf die allgemeine Problematik des Urheberrechtes, das den Anforderungen des digitalen Zeitalters hinterher hinkt.

In jedem Fall ist das Risiko von Konsequenzen gestiegen, falls Influencer und andere Vorbilder ihrer Verantwortung gegenüber vieler Millionen meist junger Fans nicht gerecht werden“, so GamesWirtschaft weiter. Aber was genau soll daran schlecht sein und wie kann man diesen Umstand als Gefahr für Let’s Player interpretieren? Doch wohl nur, wenn man der Meinung ist, dass 1.) Let’s Plays per se frei von diskriminierenden Äußerungen seien, 2.) alle Zuschauer*innen in der Lage seien, reflektiert mit derartigen Inhalten umzugehen oder 3.) solche Inhalte unproblematisch seien. Wer auch nur einen dieser Punkte teilt, den hat die demokratisch-pluralistische Zivilgesellschaft wohl verloren. Doch vielleicht tue ich Unrecht, diesen Satz negativ zu deuten – dem steht jedoch die pathetische abschließende Phrase entgegen, „Letsplayer sind mehr denn je auf die Gnade der Spielehersteller angewiesen“, die erneut auf einen vermeintlichen Missbrauch des Urheberrechts durch Campo Santo verweist.

Schade.

Ganz offensichtlich hätte sich die/der Autor*in zwischen einer rechtlichen Einschätzung oder einer politischen Beurteilung entscheiden oder diese in dem Beitrag von einander trennen sollen. So aber drängt sich ein bitterer Beigeschmack auf. Leider schließen sich der so entstandenen Rhetorik auch einige Let’s Player an und sprechen vom „Missbrauch eines politischen guten Zwecks“ oder von Let’s Playern als „Erfüllungsgehilfen der Industrie“, anstatt eine progressive Kritik am Urheberrecht und eine deutliche Ablehnung gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu formulieren. Damit werden sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als tausendfach konsumierte Akteur*innen des öffentlichen Lebens jedenfalls nicht gerecht.

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Beitragsbild: „Head in Hands“ by Alex Proimos, flickr, cc-by-nc 2.0 <https://www.flickr.com/photos/proimos/4199675334/>.

Hervorhebungen in den Zitaten von mir.

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