Quo vadis Authentizitätsdebatte? Von der Aura zur Atmosphäre

Nach der Arbeitstagung des Arbeitskreises Geschichtswissenschaft und digitale Spiele am 15. und 16. September 2017 habe ich die leidige Diskussion über die (vermeintliche) Authentizität von Geschichtsdarstellungen in digitalen Spielen aufgegriffen und mit Carlo Ginzburg für eine kasuistische Intervention von Historiker*innen in Authentizitätsdebatten plädiert.

Solche Interventionen zielten freilich darauf, sowohl die Darstellung (und damit ihre vermeintliche Authentizität) zu dekonstruieren, also auf geschichtskulturelle Tradierungen zurück zu führen und diese zu problematisieren, als auch auf das Untergraben der populären Vorstellung historischer Faktizität.

Nachdem Matthias Krämer die Debatte auf dem Blog des Geschichtstalk7000 aufgegriffen und mit der Ausdehnung auf historisierende popkulturelle Serien für den nächsten Geschichtstalk fruchtbar gemacht hat, ist die Diskussion um den Begriff der Authentizität auf dem GTS7000-Blog und bei Twitter neuerlich entbrannt (man beachte neben den Kommentaren von Eugen Pfister und Andreas Körber auf dem GTS-Blog auch den Blog von Nils Steffen, der sich der Debatte aus der Perspektive des Geschichtstheaters nähert).

In der Debatte sind aus meiner Sicht bisher zwei interessante Punkte herausgestellt worden. 1.) Auch wenn ich der Meinung bin, dass der Begriff der Authentizität den der (imaginierten) Akkuratheit immer schon umfasst, mag die Unterscheidung dieses Begriffspaars noch deutlicher unterstreichen, dass es sich bei der Darstellung des Historischen um Konstruktionen handelt, die es zu problematisieren gilt. 2.) Hat sich Nico Nolden erneut gegen das Konzept der Authentizität als „Gefühl von der Akkuratheit“ (Aura bei Walter Benjamin) ausgesprochen und für das aus der Neuen Ästhetik stammende Konzept der Atmosphäre, das die Menge aller Beziehungen zwischen Objekt, dem umgebenden Raum und den Beobachter*innen beschreibt, plädiert. Da ich mich mit diesem Konzept bisher nicht beschäftigt habe, werde ich mich demnächst wohl mal einlesen müssen.

Die Debatte geht also weiter. Als nächstes dürfen wir vermutlich eine Historisierung der Authentizitätsdebatte von Robert Heinze auf dem Blog des AKGDWS erwarten und – in etwas fernerer Zukunft – einen Blogbeitrag von Nico Nolden zum Konzept der Atmosphäre. Ich bin gespannt!

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Bild: A password key? by Dev.Arka, flickr, CC-BY-ND 2.0.

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1 Kommentar zu „Quo vadis Authentizitätsdebatte? Von der Aura zur Atmosphäre“

  1. So da ich hierher gekommen bin und genörgelt habe jetzt auch mal ne positive Note.
    Interessanter Artikel. Hab mit der Geschichtswissenschaft selbst nur im Rahmen der Rechtsgeschichte zu tun gehabt. Dank des sehr kritischen und wundervoll lehrreichen Dr. Lahusen eine meiner favorisiertesten Vorlesungen. Er verdeutlichte uns den Unterschied zwischen res gestae und rerum gestarum. Ich dachte insoweit, dass eine Authentizitätsdebatte gar nicht mehr relevant ist in der Geschichtswissenschaft und der Satz von Ranke, nur das sagen zu wollen was sich wirklich zugetragen hat, als Unmöglichkeit erkannt wurde.
    Scheinbar gibt es aber immernoch eine Debatte über „die wahre Geschichte“ vs die Geschichten oder um in der Terminologie zu bleiben; Das generelle Konzept vs dem Kasus.
    Danke jedenfalls für die verlinkten Artikel und dem Thema, war ein interessanter Lesestoff der weiter verfolgt wird.

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